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Der Stahlkoloss von Osten

Hamburger Morgenpost vom 27.06.2012

- es ist keine Bildbeschreibung verfügbar -

Ein Stahlkoloss steht über dem Flüsschen Oste. 38 Meter hoch, 80 Meter lang, 256 Tonnen schwer. Irgendwie passt er nicht so recht ins Bild. Nicht zu dem pittoresken Örtchen Osten (Landkreis Cuxhaven), nicht zu den Deichen und Wiesen, auf denen Schafe grasen. Doch der Koloss ist in der Region der Touristenmagnet. Es ist die älteste Schwebefähre Deutschlands.

Walter Funk lehnt neben dem Führerhäuschen auf der Fährgondel. Der mächtige Überbau der Schwebefähre aus 256 Tonnen Stahl wirft gestreifte Schatten auf sein blauweißes Fischerhemd. Seine Gäste begrüßt der 65-jährige Fährmann mit Zigarette und derben Charme: "Wer mich mit Fragen löchert, fliegt ins Wasser!" Die Infos zum Baudenkmal gibt´s glücklicherweise vom Band.

Funk fummelt währenddessen am Fahrtenregler herum und drückt den Startknopf. Die Gondel zuckelt los. Acht Minuten braucht sie, um das andere Ufer der Oste zu erreichen. Es ist 80 Meter entfernt. Bei Hochwasser ist das Wasser unter der Gondel zum Greifen nah.

Noch bis 1974 war die Schwebefähre (Baujahr 1909) die einzige Verbindung zwischen den Orten Osten und Hemmoor. Heute ist sie der Touristenmagnet der Region. Kein Wunder: Auf der Welt gibt´s lediglich noch acht dieser Art. Bald sollen sie alle zum Weltkulturerbe gehören. Der Antrag läuft.

Von der weiten Welt ist auf der Gondel (für 25 Personen) allerdings wenig zu spüren. Kein Autolärm, keine Hektik. Es ist nur das Geplätscher der Enten zu hören, die ihre Köpfchen ins Wasser tauchen. Und gelegentliches Gerumpel. "Das liegt an den Lücken zwischen den Schienenstücken, an denen die Fähre hängt", erklärt Funk - ganz freiwillig. Der Fährmann sitzt auf der Bank, eine Zigarette im Mund. Es ist der einzige Platz mit einem Sitzkissen.

Unter der Fähre fließt der Fluss, nach ein paar Hundert Metern nimmt er behäbig eine Kurve. Seit drei Jahren tummeln sich wieder Störe in der Oste. Der Fisch war in Deutschland fast ausgestorben.

Funk springt auf und drückt auf den Bedienknöpfen herum. Mit einem Rums legt die Gondel an. Die meisten Gäste bleiben sitzen, fahren wieder zurück. Bei der Schwebefähre ist der Weg das Ziel. Der Fährmann legt wieder ab, lässt sich auf sein Sitzkissen fallen und zündet sich eine Zigarette an.

Die Schwebefähre legt zu jeder vollen Stunde in Osten (Fährstraße 1) ab. Bei Bedarf auch öfter. Die Überfahrt kostet 1,50 Euro. Kinder zahlen einen Euro. Wer ein Fahrrad mitnehmen will, muss noch mal 50 Cent drauflegen.

Text: Mira Frenzel
Fotos: Florian Quandt