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Zwischen Spinnenbeinen über den Fluss

Das Land Kehdingen an der Unterelbe ist grün und flach, Herausragendes macht sich deshalb schon von weitem bemerkbar, etwa eine im Marschengrün angestrichene Eisengitterkonstruktion: das dreißig Meter hohe Tragwerk einer Schwebefähre.

Seit mehr als hundert Jahren steht es hier wie ein eiserner Gedankenstrich in der Landschaft, der auf je zwei mageren Stützen beiderseits des Oste-Ufers ruht. Weit unterhalb des Eisengitters hängt an Stahlstreben eine offene Plattform mit schmalem Steuerhäuschen. Vier Laufräder auf Schienen und ein Elektromotor sorgen dafür, dass man meint, die offene Gondel würde über den Fluss, nun: schweben.

Das Prinzip solcher Schwebefähren ist einfach. Acht Exemplare gibt es noch weltweit, davon zwei in Deutschland. Allerdings wundert sich der Besucher über den hohen technischen Aufwand. Die hundertfünfzig Kilometer lange Oste hebt und senkt ihren Wasserspiegel zwar mit der Tide. Sie ist an dieser Stelle achtzig Meter breit, amtlich sogar eine Bundeswasserstraße. Aber hätte es eine gewöhnliche schwimmende Fähre oder eine Brücke nicht auch getan, als man das Schwebeding vor Jahren errichtete? Horst Ahlff hat die Frage schon öfter gehört. Er, der Wirt des "Fährkrugs" auf dem Ostener Deich, führt eine Art Lebensgemeinschaft mit der Schwebefähre, steht sie doch mit einem ihrer grünen Spinnenbeine mitten in seinem Biergarten. Früher, erzählt er, habe es hier an der Oste jeden Winter starken Eisgang oder sogar eine geschlossene Eisdecke gegeben. Da habe der Fährprahm nicht übersetzen können. Eine Brücke hingegen kam wegen der großen Zahl von Schiffen nicht infrage. "Im Jahr 1897 sind hier 14000 Schiffe vorbeigekommen", sagt Horst Ahlff, "bei soviel Schiffsverkehr hätte man eine Klapp- oder Drehbrücke nur zwei Stunden täglich für den Straßenverkehr schließen können. Also vollkommen ineffektiv!"

Aus dem Garten des "Fährkrugs" gleitet der Blick auf den Fluss, das Eisenfachwerk wirft geometrische Schatten auf das rasch ablaufende Wasser. Heute sind nur ein paar Paddler unterwegs. Vor hundert Jahren aber transportierten die ein- oder zweimastigen Ewer unablässig Ziegel und Zement, Sand und Kies, Vieh und Getreide. So kam man 1909 auf die Idee, eine besondere Fähre zu bauen, die in den langen Wintern über das Eis schweben konnte. Das Tragwerk musste allerdings hoch genug sein, damit die Segelschiffe passieren konnten.

Die Firmen M.A.N und A.E.G lieferten die Technik, die Bauleitung stammte von Ingenieur Max Pinette aus Berlin. Pinette war ein deutscher Jude, aber der französisch klingende Name und seine markante Konstruktion aus genieteten Streben sorgten für eine langlebige Legende. Pinette, ging im "Fährkrug" und anderswo die Mär, heiße mit Vornamen Louis und sei ein Schüler des berühmten Gustave Eiffel. Bald war die Rede vom "Eiffelturm im Land Kehdingen", freilich in einer eher schläfrigen, hingestreckten Variante. Pinettes Konstruktion überstand zwei Weltkriege, kam aber mit dem rasant wachsenden Straßenverkehr vor vierzig Jahren an ihre Grenzen. Die Fähre war nicht die schnellste, an den Ufern stauten sich die Fahrzeuge Stoßstange an Stoßstange. Das konnte dem Wirt vom "Fährkrug" nur echt sein - sollte man denken. Doch Horst Ahlff, der das Haus 1963 von seiner Mutter übernommen hat, winkt ab. Wohlhabend wurden sie nicht. "Früher waren wir eine Art Bahnhofslokal, an Ruhe war nicht zu denken. Die Hotelgäste flogen aus den Betten, wenn die Fähre nachts losrumpelte." Für die meisten Reisenden aber waren Krug und Fähre Orte eines unfreiwilligen Aufenthalts. In der Zeit vor den Handys, sagt Ahlff, habe er im Monat bis zu fünftausend Telefoneinheiten umgesetzt. "Das war mein größtes Einkommen."

Als man 1974 fünfhundert Meter flussabwärts eine Betonbrücke baute, schien das Ende der Schwebefähre gekommen. Doch der Wirt und ein paar Mitstreiter gründeten einen Förderverein, die Schwebefähre wurde zum "Technischen Denkmal" geadelt und mehrfach saniert. Mit dem Gerumpel ist es nun vorbei, fast geräuschlos können Radler und Wanderer in sechs Minuten über die Oste schweben. Autos werden nur noch selten übergesetzt."Höchstens mal ein Oldtimer für ein paar Fotografien", sagt Fährmann Heinz Thedrian. Gerade ist eine Reisegruppe aus Wuppertal eingestiegen. "Das ist wie bei unserer Schwebebahn", zieht ein älterer Herr Parallelen. "Aber hier ist es Open Air."

Von GÜNTER BEYER
FAZ, 06. April 2011