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Die Schwebefähre Osten–Hemmoor: Wie aus einem Ärgernis ein Baudenkmal wurde

An stählernen Armen

Kreiszeitung Syke, 03.07.2010

von Michael Krüger

„Was habe ich die Fähre gehasst früher.“ Heinz Thedrian lässt den Blick über den Fluss schweifen und richtet seine Kapitänsmütze. Längst ist der Groll verflogen. Noch heute fährt Thedrian täglich mit dem stählernen Koloss über die Oste, und das sogar freiwillig: als Fährmann.

Wie so viele Menschen der Region ist sein Leben mit der Schwebefähre Osten–Hemmoor eng verknüpft. Ob er es nun will oder nicht.

Vielmehr eine Liebesgeschichte ist es für Horst Ahlf. Geboren im ersten Haus an der Fähre, aufgewachsen zu ihren Füßen, heute ist er als Retter des altehrwürdigen Bauwerks bekannt. Der 69-jährige Gastwirt ist Vorsitzender des „Fährvereins“, der die Schwebefähre nach 65 Jahren Betriebszeit im Jahr 1974 vor der Verschrottung gerettet hat. Drei Mal ist Ahlf mit seinen Vereinskollegen, den Bürgern der Region und der Kommune eingesprungen, um dem Rost den Kampf anzusagen. Mehrere Millionen Euro wurden in die Sanierung gesteckt, als eines von vier „Historischen Wahrzeichen der Ingenieurskunst“ in Deutschland ist das technische Baudenkmal für Ahlf ein „Flaggschiff für das gesamte Elbe-Weser-Dreieck“.

Die Geschichte der Schwebefähre beginnt mit der Notwendigkeit einer Querung der Oste, dem bedeutendsten Nebenarm der Elbe, in einer um die Jahrhundertwende boomenden Region. 15 000 Industriearbeiter wohnen zu dieser Zeit rund um Osten im Kreis Cuxhaven. Arbeit finden sie in drei Werften und 17 Ziegeleien. Zement aus Hemmoor ist ein Exportschlager, wird unter anderem zum Sockel der Freiheitsstatue in New York. Die alte Prahmfähre ist dem Verkehr nicht mehr gewachsen. 1899 verwirft die Gemeinde teure Pläne für eine Drehbrücke und „klaut die Idee in Frankreich“, wie Ahlf betont. Dort ist man mit der Konstruktion von Schwebefähren bereits vertraut. Die Gemeinde kauft den Vorgängern von Ahlf als Wirte des „Fährkrugs“ für 80 000 Goldmark die Fährrechte ab, 1909 wird nach einjähriger Bauzeit die Schwebefähre eingeweiht. Unabhängig von Tide, Schiffsverkehr und Eisgang kann die Oste nun überquert werden. Erst mit der Autobrücke und dem Ausbau der Bundesstraße 495 verliert die Schwebefähre 1974 ihre Berechtigung als alltägliche Notwendigkeit – und als Ärgernis. Die Zeit kilometerlanger Staus ist Geschichte. Das frühe Bewusstsein, das Bauwerk unter Denkmalschutz zu stellen, rettet es anschließend vor dem Schneidbrenner.

Die Faszination Schwebefähre basiert aber auch auf einer Legende. Niemand wird leugnen, dass die 252 Tonnen Stahl über die Oste einem liegenden Eiffelturm ähnlich sind. Dass aber Ingenieur Max Pinette, der als Bauleiter der Schwebefähre eingesetzt wurde, ein Schüler des Eiffelturm-Erbauers Gustave Eiffel gewesen ist – „das ist Blödsinn“, sagt Ahlf. Allerdings ein sehr werbewirksamer, das gibt auch er zu. Noch mehr touristischen Zuspruch erhofft sich Ahlf durch die angestrebte Anerkennung als UNESCO-Weltkulturerbe. Gemeinsam mit sieben weiteren Schwebefähren weltweit ist der Antrag dafür in Vorbereitung. Das spanische Bilbao hat diesen Titel mit seiner Fähre bereits verliehen bekommen. Der Betrieb der Schwebefähre war über die Jahrzehnte hinweg übrigens unspektakulär. „Kein Zusammenstoß mit einem Schiff in hundert Jahren“, resümiert Ahlf. Nur hin und wieder sei mal ein Pferd durchgegangen und über die Rehling der Fährgondel gesprungen. Auch ein Traktor sei mal weiter direkt in den Fluss gefahren. „Hin und wieder sieht man unter der Gondel auch U-Boote oder Wale“, versucht Fährmann Thedrijan die Geschichte auf der gemächlich vor sich hinschwebenden Fähre aufzumotzen. Und beweist damit doch nur, dass Seemannsgarn auch im Binnenland keine Seltenheit ist.

Für Gastwirt Horst Ahlf ist die Schwebefähre zu einem Lebensinhalt geworden. Dort, wo 1909 der Stahlkoloss errichtet wurde, ist er aufgewachsen und lebt noch heute.