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Wo?

Die drei gängigen Methoden, einen Fluß oder Kanal zu überwinden, sind rasch aufgezählt: Brücke, Fähre und Tunnel. Es gibt jedoch noch eine weitere: die Schwebefähre. Von diesen Exoten der Technikgeschichte existieren in Deutschland noch zwei Exemplare. Eines davon überquert den Elbenebenfluß Oste in Osten, einem kleinen Ort bei Stade.

Schwebefähren, von denen auf der Welt nicht mehr als ein gutes Dutzend gebaut wurden, hatten Ende des 19. Jahrhunderts eine kurze Blütezeit. Daß man in ihnen überhaupt ein taugliches Mittel sah, lag vor allem an den Fortschritten, die man zu dieser Zeit mit stählernen Fachwerkkonstruktionen machte. Nachdem Alexandre Eiffel zur Weltausstellung 1889 mit dem Bau des rund 300 Meter hohen Fachwerkturms in Paris ein deutliches Zeichen gesetzt hatte, konnten die ihm nachfolgenden Ingenieure von dieser Leistung profitieren. Nun war es möglich, filigrane und damit leichte Strukturen zu errichten. Das Material wurde nicht auf Biegung beansprucht, was dicke Materialquerschnitte erforderlich gemacht hätte. Bei den Fachwerkkonstruktionen werden die Kräfte in den Verbindungspunkten so umgelenkt, daß die Stäbe nur Druck- oder Zugkräfte aufnehmen müssen. Daher können die Querschnitte reduziert werden.

Diese Vorteile gaben den Ausschlag für den Bau einer Schwebefähre über das Flüßchen Oste. Eine Brücke an dieser Stelle wäre mindestens sechsmal so teuer gewesen. Auch die Bauzeit ließ sich deutlich verkürzen, denn die Teile konnten vorgefertigt und an Ort und Stelle montiert und vernietet werden. Mit dem Aufbau der von dem Eiffelschüler Louis Pinette konstruierten und von der Brückenabteilung der MAN im Werk Gustavsburg gefertigten Schwebefähre wurde im Frühjahr 1909 begonnen, schon im Herbst wurde der Betrieb aufgenommen.

Bauherr war die Gemeinde Osten, die kurz zuvor dem letzten Fährbesitzer sein Übersetz-Monopol abgekauft hatte. Eine überaus präzise ausgearbeitete Tarifordnung ermöglichte trotz hoher Instandhaltungskosten stets einen rentablen Betrieb. So wurde Nachtschwärmern der doppelte Fahrpreis abverlangt, und selbst wenn die Oste zugefroren war, durfte sie an dieser Stelle nicht gratis überquert werden. Freie Überfahrt hatten nur "anerkannt arme Leute".

Daß die vom Wasserstand der Oste eigentlich unabhängige Schwebefähre bei Eisgang nicht fuhr, lag am Tidenhub, der an dieser Stelle rund drei Meter beträgt und auch heute noch das immer wieder brechende Eis zu größeren Bergen auftürmt. Dieses Geschiebeeis kann der Fährgondel gefährlich werden. Da diese in Osten nicht an Seilen hängt wie bei allen anderen Schwebefähren, kann sie nicht, ohne Schaden zu nehmen, ein Stück zur Seite geschoben werden. In Osten hängt die Gondel an einem Fachwerkgestell, an dessen oberem Ende vier Laufräder sitzen. Sie rollen auf zwei Schienen, die auf dem 80 Meter langen Brückenträger liegen.

Zur Zeit ist die Schwebefähre in Osten außer Betrieb. Alterserscheinungen beeinträchtigen die Stand- und Fahrsicherheit. Doch da der Landkreis und die beiden links und rechts der Fähre liegenden Gemeinden kürzlich beschlossen haben, rund 100 000 Euro in dieses technische Unikum zu stecken, stehen die Chancen nicht schlecht, daß die Fähre über die Oste bald wieder schweben kann.

kff.

Fahrzeiten und -preise sind über die Fördergesellschaft "Schwebefähre von Osten" (www.schwebefaehre.oste.de) zu erfahren. Ansprechperson ist Horst Ahlf, der Wirt des unmittelbar neben der Fähre liegenden Fährkrugs: Telefon 0 47 71/39 22.

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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.02.2003, Nr. 41, S. T2