Random header banner 1 Random header banner 2 Random header banner 3 Random header banner 4 Random header banner 5
Warum Hemmoor eine Schwebefähre braucht

NEZ-Leserbrief von Jochen Bölsche, Osten - 2003

Die Delmenhorster Wirtschaftsberater urteilen: Hemmoor mangelt es an einer touristischen Attraktion, an einem positiven Imageträger, an einem unverwechselbaren Symbol mit weit ins Land reichender Strahlkraft.
 
Das alles haben die Hemmoor bereits, ohne dass sie es wirklich wahrgenommen hätten. Die einzigartige Schwebefähre, die bekanntlich mit zwei von vier Beinen auf Hemmoorer Boden steht, ist eine Landmarke mit enormer emblematischer Wirkung - so wie in der gesamten Region sonst allenfalls noch die Cuxhavener Kugelbake.

Auf der Gründungsversammlung des Schwebefähren-Weltverbandes jüngst in Spanien fiel auf: Fähren sind durchweg nach beiden Orten benannt, die sie verbinden, beispielsweise der "pont transbordeur" Rochefort/Martrou in Frankreich. Die zweite deutsche Schwebefähre - zwischen Rendsburg und Osterrönfeld - war logischerweise durch zwei Bürgermeister vertreten.
 
Ein anderer Bürgermeister fehlte im königlichen Palast: Der Repräsentant von Hemmoor war zur Audienz bei Juan Carlos I. und zur anschließenden Konferenz der "alcaldes de localidades con puentes colgantes" (Bürgermeister der Orte mit Schwebefähre) gar nicht erst geladen. Warum? Weil in Spanien wie in Deutschland niemand an Hemmoor denkt, wenn es um das imposante Baudenkmal an der Oste geht.

Die historischen Gründe sind bekannt: Als Anfang des vorigen Jahrhunderts der Bau der Fähre anstand, sah sich Osten von all seinen Nachbardörfern im Stich gelassen. In den folgenden Jahrzehnten wiederum florierte Osten nicht zuletzt dank des Fährgeldes, das dem Alleinbesitzer ganz allein zustand - was ihm prompt jenseits des Flusses den Ruf eintrug, ein Dorf der Reichen und der Arroganten zu sein. Dass die Ostener ihrerseits auf die vom anderen Ufer herabblickten (noch heute hört man manchmal: "Da ist ein Basbecker, hau ihn tot"), vergrößerte die Kluft noch.

An der Distanz der Hemmoorer zur "Ostener" Schwebefähre hat sich über all die Jahre wenig geändert, obwohl das Bauwerk bekanntlich schon seit Mitte der siebziger Jahre gar nicht mehr der Gemeinde Osten, sondern dem Landkreis gehört. Wer sich als Fremder über den Hemmoorer Teil der Fährstraße dem Fluß nähert, steht vor der Fähre wie der Ochs vorm Berge - nicht einmal eine kleine Info-Tafel klärt ihn über Entstehungsgeschichte und Bedeutung des Bauwerks auf. Es ist also höchste Zeit, dass die Hemmoorer die Fähre sozusagen mental eingemeinden, sie freudig als gemeinsames Symbol ihrer im Zusammenwachsen begriffenen Samtgemeinde akzeptieren - und helfen, sie zum Markenzeichen zu entwickeln.

Die Ostener und Hemmoorer Teilstücke der Fährstraße (und die Bahnhofstraße samt der einstigen Station "Basbeck-Osten" als deren Verlängerung) könnten nach Wiederinbetriebnahme der Fähre die Gemeinden emotional wiedervereinigen helfen. Und sie könnten zu einer städtebaulichen Achse von ganz hohem Reiz fortentwickelt werden.

Hemmoor allerdings dürfte der Fähre nicht länger den Rücken zuwenden, sondern müßte (mindestens) ebenso sehr wie Osten daran interessiert sein, dass die "doppelte Fährstraße" zum Herzstück des niedersächsischen Abschnitts der angedachten "Deutschen Fährstraße" wird, die als rund 250 Kilometer lange Ferienstraße (Bremervörde - Hemmoor - Wischhafen - Glückstadt - Rendsburg - Kiel) die letzten deutschen Schwebefähren verbinden und auf der Touristen Dutzende von Flußquerungsmöglichkeiten erleben könnten (Prahmfähren, Fährbrücken, Klappbrücken, Sperrwerk, Elbfähre, Kanalfähren, Tunnel, Hochbrücke, Hafenfähren).

Die Schwebefähre Osten/Hemmoor könnte in stilisierter Form als Emblem dieser jüngsten deutschen Ferienstraße dienen und dazu beitragen, die Doppelgemeinde damit weithin bekannt zu machen. Warum sollte die Stadt Hemmoor nicht im vernachlässigten, funktionslos gewordenen alte Bahnhofsgebäude von "Basbeck-Osten" ein (ohnehin überfälliges) Touristenbüro einrichten - mit einem zentralen Info-Center über den Südabschnitt der Deutschen Fährstraße, einschließlich Großfotos der sieben Schwester-Schwebefähren in aller Welt und von unserem schönen Fluß, der uns mehr verbinden als trennen sollte?

Warum sollten wir nicht gemeinsam bei künftigen Bahnhofstraßen-Festen einen Shuttle-Service mit Kutschen und Planwagen über die (hoffentlich bald wieder schwebende) Schwebefähre zum Ostener Fährplatz einrichten, und umgekehrt? Warum keine gemeinsamen Gottesdienste, Shantykonzerte, Malwettbewerbe, Dichterlesungen auf der Fährgondel (nach dem Muster vieler anderer Fährorte)?

Warum sollten nicht auch Hemmoorer massenhaft in die "Ostener" Schwebefähren-Fördergesellschaft eintreten? Warum sollte dieser Verein nicht künftig im Wechsel in Hemmoor und in Osten tagen? Und überhaupt: Hätte er sich nicht schon lägst umbenennen müssen in "Fördergesellschaft zur Erhaltung der Schwebefähre in Osten/Hemmoor"?

Und warum schliesslich sollte nicht an der Schwebefähre ein kleiner Brunnen oder eine Stele mit dem Bild jenes weltberühmten Mannes aufgestellt werden, der die Stahlfachwerk-Bauweise entscheidend fortentwickelt und seinen Schüler Pinette zur Konstruktion des filigranen Riesen an der Oste inspiriert hat - Gustave Eiffel? Ob nun so ein Eiffel-Brunnen in Osten oder in Hemmoor eingeweiht wird, ob ein Deutsches Fährmuseum im alten Bahnhof von Hemmoor oder aber im Heimatmuseum von Osten oder anderwo im Dorf entsteht, ist zweitrangig. Wichtig ist, dass beide Gemeinden erkennen: Auf zwei Beinen kann die Schwebefähre nicht überleben.

Die gesamte Region an der Tideoste, die Landkreise Cuxhaven und Stade übergreifend, von Flußkilometer 1 am Bremervörder Wehr bis zur Mündung am Hullen bei Neuhaus, sollte die Chancen wahrnehmen, die das Technische Baudenkmal als Symbol des Ostelandes bieten könnte. Die Schwebefähre Osten/Hemmoor ist - trotz der anstehenden Restaurierungskosten - daher keine Last für unsere Region, sondern eine einzigartige Chance: ein Pfund, mit dem wir wuchern können und müssen - vielleicht das einzige, jedenfalls das wichtigste.

Im Moment hat es allerdings bisweilen den Anschein, als hätten nur die Dohlenschwärme oben im rostenden Gerüst den Wert der Schwebefähre erkannt. Dohlen sind außerordentlich kluge Vögel.