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In der Luft schnell über den Fluß

Verkehrsmittel und Baudenkmal / Schwebefähre Osten als Touristenattraktion wieder in Betrieb

1909 konstruierte Louis Pinette*, ein Schüler des berühmten Ingenieurs Alexandere Gustav Eiffel, die Schwebefähre in Osten (Kreis Cuxhaven). Seit 1974 verkehrt die zum technischen Baudenkmal erklärte Schwebefähre nur noch in den Somermonaten als Touristenattraktion.

Korrespondentenbericht von Jörn Freyenhagen

OSTEN - Aus der Ferne wirkt sie wie ein Baugerüst, aus der Nähe wie der flachgelegte Pariser Eiffelturm. Der kleine Ort Osten bei Cuxhaven in Niedersachsen verdankt sein Wahrzeichen, die Schwebefähre über die Oste, indirekt dem französischen Ingenieur Alexandre Gustave Eiffel. Dessen Schüler, Louis Pinette, schuf im Jahr 1909 dieses Wunderwerk der Technik. Heute wird die Fähre eigentlich nicht mehr gebraucht, weil es längst eine Brücke gibt, die den Fluß überquert. Da es aber immer noch Spaß macht, über das Wasser der Oste zu schweben, ist die Fähre weiterhin als Touristenattraktion in Betrieb.

Mit ihrer speziellen Konstruktion als Selbstfahrer ist die Ostener Schwebefähre weltweit einmalig. Andere Fähren dieser Art hängen an Seilen.  Sieben Menschen kamen bei den Bauarbeiten in Osten ums Leben. Konstrukteur Pinette wäre von der Dorfbevölkerung beinahe gelyncht worden. Der Schwebebetrieb aber war sicher. Heute sind die Bürger von Osten stolz darauf, daß die Fähre neun Jahrzehnte nach ihrer Indienststellung immer noch funktioniert. ?Sie ist technisch topfit und jetzt fast noch in einem besseren Zustand als in ihrer aktiven Fahrenszeit", erklärt Horst Ahlf, Vorsitzender des Fördervereins. Vor fünf Jahren wurde sie generalüberholt.

1423 wurde das Fährhaus erstmals urkundlich erwähnt. Bis Anfang dieses Jahrhunderts stellte eine von Hand betriebene Prahmfähre die Verbindung von Osten ans linke Flußufer nach Basbeck her. Weil der Verkehr über die Oste immer mehr zunahm, wollte die Gemeinde Osten zunächst eine Drehbrücke bauen. Doch der starke Schiffsverkehr machte den Plan zunichte. Es mußte eine Flußquerung her, die weder Segler noch Dampfer behinderte. Die Wahl fiel auf die Schwebefähre. Sie konnte den Fluß in der Luft schnell passieren und dabei noch genügend Fahrzeuge und Menschen mitnehmen. 80 Meter breit und mehr als 30 Meter hoch ist die Stahlkonstruktion für die Schwebefähre. Angetrieben wird sie durch einen Elektromotor. ?Es ist immer noch der erste Siemens-Motor aus dem Jahre 1909, den wir heute benutzen", betont Ahlf, der auch den Job des Fährmanns ausübt. 

Die Gondel hängt als starrer Fahrkörper an einem auf Schienen laufenden Wagen und zieht sich mit Hilfe von vier Kranzrädern auf die andere Flußseite. Drei Minuten und 40 Sekunden dauert eine Überfahrt. Dank einer Tragfähigkeit von sechs Tonnen finden in der Gondel sechs Autos oder 100 Personen Platz. Die Fähre fährt seit jeher bei jedem Wetter, auch im Winter. Nur extremes Hochwasser zwingt sie zum Pausieren.

Früher schwebte die Fähre so oft über den Fluß, wie Bedarf bestand - Tag und Nacht. Als Teilstück der wichtigen Nord-Süd-Verbindung im Zuge der Bundesstraße 495 war sie unverzichtbar. Ende der 50er Jahre konnte die Schwebefähre den Autoverkehr in den Sommermonaten kaum noch bewältigen. Wartezeiten von einer Stunde und mehr waren keine Seltenheit. Insgesamt legte die Fähre im 65 Jahre dauernden Pendelverkehr unfallfrei eine Strecke zurück, die dem dreifachen Erdumfang entspricht. 
1974 wurde eine moderne Brücke über die Ost gebaut und viele sahen das Ende der Schwebefähre gekommen. Doch der Förderverein bewahrte sie vor dem Abriß. Mehr noch. Die Fähre wurde zum technischen Baudenkmal erklärt und Teil des neuen Fährmuseums.

Heute können Besucher in Osten vier Generationen von Flußquerungen in der Oste bestaunen: Einen Fährkahn aus dem 14. Jahrhundert, einen 1909 stillgelegten Fährprahm, die Schwebefähre und die neue. Brücke. Die ehemalige Ostefähre aus dem Nachbarort Geversdorf, die nach vielen Mühen in Osten landete, muß der Verein wieder abgeben, weil die Behörden um die Sicherheit an den Pfählen fürchten. Die Schwebefähre jedoch hat erneut ?grünes Licht" durch den TÜV bekommen. So können Ausflügler täglich von 11 bis 17 Uhr jeweils zur vollen Stunde mit dem nostalgischen Transportmittel über die Oste schweben. Gruppenfahrten sind nach Vereinbarung auch zu anderen Zeiten möglich. Ein Ticket, das in der Gründerzeit noch für fünf Pfennige zu haben war, kostet heute zwei Mark.

RHEINMAIN PRESSE, 3. 8. 1998

* Die Wahrheit über "Louis Pinette"