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Rede zum 50-jährigen Bestehen der Schwebefähre

in Osten an der Oste 1. Oktober 1959

Meine Damen, meine Herren, verehrte Gäste!

Wir haben uns hier heute zusammengefunden, um den 50. Geburtstag unserer Schwebefähre festlich zu begehen. Als Vertreter der Gemeinde begrüße ich Sie und heiße Sie alle auf das herzlichste willkommen. Ich begrüsse insbesondere die werten Gäste, die unserer Einladung so zahlreich gefolgt sind und uns mit ihrem Besuche beehren.

50 Jahre sind im Leben eines Menschen, wenn wir sie vor uns haben, eine sehr lange Zeit. Schauen wir aber auf die verflossenen Jahre zurück, so sind 50 Jahre schnell, ja leider viel zu schnell vergangen.
Heute vor 50 Jahren, nämlich an 1. Oktober 1909, wurde unsere Schwebefähre dem öffentlichen Verkehr übergeben. Um unsere Väter für das zum Wohle der Gemeinde durchgeführte kühne Unternehmen ehrend zu gedenken und zu danken, hat der Gemeinderat beschlossen, die heutige Jubiläumsfeier durchzuführen.

Meine Damen und Herren!

Bevor ich nun auf die Geburtsstunde unserer Schwebefähre eingehe, gestatten Sie mir zuvor einige Ausführungen über die früheren Fährverhältnisse in Osten zu machen.

Die Fähre in Osten besteht, wie urkundlich nachgewiesen, seit über 500 Jahren. Die Inhaber übten die Fährgerechtsame als das ausschließliche Recht aus, dritte Personen und deren Sachen gewerbsmäßig für Geld vom Fährgrundstücke aus über die Oste und zurück zu befördern. Diese Gerechtsame erstreckten sich örtlich gesehen bis zur nächsten freien Fähre auf beiden Seiten der Oste.

Die erste Fähre befand sich vermutlich Mitte des Ortes, dem sogenannten Kirchspielsgang. Dort befand sich früher auch ein kleines Hafenbecken. Im Jahre 1423 wird nach dem Heimatforscher Oellerich urkundlich die "nige Fähre" erwähnt. Seit etwa dieser Zeit wird der Fährbetrieb also an der jetzigen Stelle durchgeführt.

Urkundlich ist weiter festgestellt, daß der damalige Besitzer Hinrich Schildt die Fähre mit allen Gerechtsamen für 2915,-- Mark an einen Claus Kröncke verkauft hat. In Laufe der folgenden Jahre hat die Fähre mehrere Male ihren Eigentümer gewechselt.

Eigentümer waren u. a. uns heute noch bekannte Namen als Clement von Issendorff, Claus Waller, Hinrich Gätcke usw. Im Jahre 1887 erwarb sie zuletzt der Gast- und Landwirt Claus Drewes aus Osten. Die damaligen Kaufpreise bewegten sich zwischen etwa 2000,-- bis 3000,-- Mark. In allen vorgefundenen Urkunden wurde die Fähre stets als "freie Fähre" bezeichnet. Von den Behörden wurde der Inhaber gegen Eingriffe Dritter in seinen Rechten geschützt. Nach einer vorliegenden Verfügung des Gerichts Osten vom 26. Juni 1819 war es dritten Personen bei Verlust des Fahrzeuges, Zahlung einer Strafe und Schadensersatz an den Fährbesitzer verboten, im Districte der Fährgerechtsarne entgeltlich oder unentgeltlich andere Personen oder Güter über die  Oste  zu  bringen.

Während in der Schwedenzeit den damaligen Besitzern das Fährrecht nicht geschmälert wurde, wurden in der französischen Besatzungszeit nach 1800 dem damaligen Fährbesitzer Hinrich Waller alle Rechte durch die französischen Behörden entschädigungslos aberkannt. Nach dem Abzug der Franzosen wurde ihm die Fährgerechtsame wieder übertragen. 

Der Fährbetrieb wurde bis zur Fertigstellung der Schwebefähre mittels Fährprämen und Kalmen durchgeführt, wie es heute noch an verschiedenen anderen Fähren geschieht. Um das Jahr 1815 waren bei der hiesigen Fähre ein Wagenkahn, ein Pferdekahn und ein Kahn für Fußgänger vorhanden. In einer FährOrdnung von 1874 waren das Vorhandensein von einem großen Prahm und einem Kahn vorgeschrieben.

Die Unterhaltung der Deiche an beiden Seiten der Fährstelle und den Anlegestellen, den sogenannten Specken, war Sache des Fähreigentümers. Die beiderseitigen Fährlücken bestehen seit dem Jahre 1815. Vorher wurden die Deiche mittels Rampen, die an beiden Seiten hinauf bzw. hinabführten, überschritten.

Wie bereits vorher gesagt, erfolgte die Beförderung von Personen und Sachen gewerbsmäßig für Geld. Bereits vor bald 200 Jahren gab es Fährtarife, so daß nicht jeder Fährbesitzer nehmen konnte, was er wollte. Die älteste erhaltene Fährtaxe stammt vom 30. Kai 1786. Diese Fährtaxe ist durch die damalige Regierung in Stade genehmigt worden. Aus einer vom 1. September 1812 datierten Fährtaxe will ich im Vergleich zu heute einige Fährgebühren bekannt geben. Hiernach kosteten eine einmalige Überfahrt: 

ein vierspänniger Frachtwagen 1,-- Mark, 
ein vierspänniger Wagen mit Personen 12 Schillinge = 75 Pfg,
ein zweispänniger Frachtwagen 10 Schillinge = 63 Pfg,
ein zweispänniger Wagen mit Personen  8 Schillinge = 50 Pfg, 
ein beschlagenes Pferd 3 Schillinge = 20 Pfg, 
ein unbeschlagenes Pferd 2 Schillinge = 13 Pfg,
eine Cariole mit einem Pferd 4 Schillinge = 25 Pfg,
ein Stück Hornvieh 2 Schillinge = 13 Pfg, 
ein Schwein, 1 Schaf, 1 Kalb 1/2 Schillinge = 3 Pfg,
eine Person 1/2 Schillinge = 3 Pfg.

Im Winter bei Eisgang waren die doppelten Satze zu zahlen. 

Zu dieser Zeit müssen Einwohner von Osten oder Altendorf in Basbeck Weideländereien gehabt haben. In dem vorgenannten Tarife heißt es nämlich, daß ein Milchmädchen jährlich 1,- Mark und 8 Schilling zu zahlen habe. Diese haben sich jedoch zu einem bestimmten Glockenschlag vor der Fähre zu versammeln. Das heute noch bestehende "Alte Fährhaus" gehörte von altersher zur Fähre.

Das sogenannte Fährstück, die Straße von der Fähre zur Bundesstraße 73, stand früher im Privateigentum des jeweiligen Fährbesitzers. In Jahre 1856 gab der damalige Fährbesitzer Hinrich Gätcke seine Rechte daran an die Landesstraßenverwaltung ab. In Jahre 1872 wurde dem damaligen Fährbesitzer auferlegt, an der Basbecker Seite eine Schlafhütte zu errichten, damit dort zur Nachtzeit ein Fährknecht schlafen könne. Es sollte damit ein reibungsloser Verkehr über die Oste, auch zu jeder Nachtzeit, gewährleistet werden. Dieses Verlangen wurde dadurch ausgelöst, weil ein stärkerer Verkehr auf der damals ausgebauten Landstraße Neuland-Ebersdorf zu erwarten war.

In Laufe der Jahre nahm der Verkehr auf den Straßen immer mehr zu. Die Unzulänglichkeit der Prahmfähre trat immer mehr in Erscheinung. Die Schwierigkeiten wurden durch den ständig schwankenden Wasserstand der Oste, durch Sturmfluten und insbesondere durch Eisgang in Winter erhöht. Deshalb gingen die Bestrebungen der Gemeindevertreter schon vor der Jahrhundertwende dahin, die Prahmfähre durch eine Drehbrücke zu ersetzen. Es stellte sich, aber bald heraus, daß die Baukosten einer Drehbrücke zu hoch würden, die Anfahrt zur Brücke zu damaliger Zeit kaum zu erstellen war und ferner das Öffnen und Schließen der Drehbrücke erhebliche Zeit in Anspruch nehmen und damit den Verkehr zu sehr stören würde.

Der Schiffsverkehr auf der Oste war zur Zeit der Jahrhundertwende noch sehr stark, da damals die meisten Güter, insbesondere aber Getreide, Ziegelsteine von den vielen Ziegeleien, die längs der Oste lagen, Brennmaterialien usw. fast ausschließlich mit den Schiff befördert wurden. Alle Schiffe fuhren damals noch unter Segel, da es Schiffe mit Hilfsmotoren noch nicht gab. Bei dem Bau einer Drehbrücke wäre damit der Einsatz von Schleppern erforderlich gewesen, um die Schiffe durch die Brückenöffnung zu lotsen. Nach verschiedenen Verhandlungen mit Behörden und sonstigen maßgeblichen Stellen der Wirtschaft und Industrie wurde in der Gemeinderatssitzung der Gemeinde Osten vom 10. Mai 1899 der Beschluß zum Bau einer Schwebefähre gefaßt. 

An den Vorbereitungen zum Bau der Schwebefähre beteiligten sich der damalige Landrat Freiherr von Schröder und der Baurat Abraham in besonderem Maße. Diese beiden Herren waren es, die der Gemeindevertretung und dem damaligen Gemeindevorsteher W. A. Lohse mit Rat und Tat zur Seite standen und den stagnierenden Vorarbeiten immer wieder neue Impulse gaben. Mit Unterstützung der eben genannten Herren gelang es auch, den Kreis, die Provinz und das Reich für die Unterstützung des damaligen großen Projektes und seiner Durchführung zu gewinnen. Damit wurde die Gemeinde in die Lage versetzt, die weiteren Vorarbeiten für den Bau der Schwebefähre voranzutreiben. Wenn auch von der Beschlußfassung des Geneinderates im Jahre 1899 bis zur Durchführung des Projektes einige Jahre ins Land gingen, so wurde das einmal ins Auge gefaßte Ziel aber doch durchgeführt. 

Der vom Gemeinderat gefaßte Beschluß zum Bau der Schwebefähre bedeutete für die kleine Gemeinde Osten ein großes Risiko, denn einmal konnte man damals nicht voraussehen, wie sich der Verkehr für die Zukunft weiter entwickeln würde und ferner auch wußte man nicht, ob die Schwebefähre in technischer Hinsicht das halten würde, wie es statisch berechnet worden war, zumal andere Vergleichsobjekte nicht vorhand en waren.

Die Finanzierung des Projektes war ein heikles Problem. Verhandlungen mit Nachbargemeinden, sich an dem Bau der Schwebefähre zu beteiligen, führten wegen des großen Risikos zu keinem Ergebnis. Trotz der Finanzierungsschwierigkeiten ließen sich  die Gemeindevertreter aber von ihrem einmal gefaßten Plan nicht abbringen.

Zunächst wurde von dem damaligen Fährbesitzer Claus Drewes das diesem zustehende Fährprivileg für eine Summe von 80 000,-- Mark erworben. Weiter erhielt Drewes für das Grundstück, auf welchem das Maschinenhaus erbaut ist, die Benutzung des Fährprahmes, des Kahnes und sonstiger Fähreinrichtungen für die Dauer der Bauzeit einen Betrag von 2429,-- Mark, insgesamt also 82 429,-- Mark.

Nach Verhandlungen mit verschiedenen Maschinenfabriken und Brückenbaugesellschaften wurde der Bau der Eisenkonstruktion und der Fundamente der Maschinenfabrik Augsburg - Nürnberg, Werk Gustavburg, übertragen.

Der Einbau der elektrischen Anlagen wurde der AEG Berlin übertragen.

Die Gesamtkosten für den Bau der Schwebefähre einschließlich aller Nebenkosten haben rund 280 000,-- Mark betragen. Dieser Betrag wurde durch Darlehn aufgebracht und war seitens der Gemeinde zu verzinsen und zu tilgen.

Im August 1908 wurde mit den Bau der 4 Brückenpfeiler begonnen. Der Bau des Gerüstes begann in April 1909. Die Bauarbeiten gingen dann so zügig voran, daß die Schwebefähre am 1. Oktober 1909 ihrer Bestimmung übergeben werden konnte. Die Einweihung der Schwebefähre fand dann auch am 1. Oktober 1909 in Anwesenheit von Vertretern vieler Behörden statt.

Meine Damen und Herren!

Heute nun hat die Schwebefähre 50 Jahre lang dem Übersetzverkehr über die Oste gedient. Viel Wasser ist in diesen 50 Jahren die Oste auf und abgeflossen und viele Personen und Güter sind in dieser Zeit mit der Schwebefähre über die Oste befördert worden. Zunächst bestanden die schwersten Güter in der Beförderung von Pferdefuhrwerken beladen mit Steinen, Sand oder Kies. Im Vergleich zu heute war die Belastung damals sehr gering.

Könnte die Schwebefähre sprechen, würde sie viel zu erzählen haben. Manches glückliche Paar aber auch viele Leidtragende hat sie in dieser Zeit befördert. Zwei Weltkriege hat sie überstanden und im letzten Kriege war bereits ihr Todesurteil gesprochen worden. Kurz vor Kriegsende waren bereits Sprengkammern in ihren Pfeilern eingebaut. Nur durch das Eintreten beherzter Männer, insbesondere des Bürgermeisters Hans von Holten, ist die Sprengung der Schwebefähre verhindert worden. Ihnen sei an dieser Stelle der Dank ausgesprochen.

Unser besonderer Dank gilt aber unsern Vätern, die vor über 50 Jahren als Vertreter einer kleinen Gemeinde von etwa 600 Einwohnern den Mut zum Bau der Schwebefähre aufbrachten und einen beachtlichen Unternehmungsgeist zeigten. Dank gilt auch den Herren Freiherr von Schnöder und Baurat Abrahams, die den Bau gefördert und der Gemeindevertretung mit Rat und Tat zur Seite gestanden haben. Ich möchte an dieser Stelle klar zum Ausdruck bringen, daß sich der Bau der Schwebefähre für jeden Einwohner unserer Gemeinde in den verflossenen 50 Jahren segensreich ausgewirkt hat. Uns heute noch persönlich bekannte Männer der Gemeinde waren damals Mitglieder der Gemeindevertretung. Der Gemeindevertretung gehörten damals u. a. an der Gemeindevorsteher W. A. Lohse, Otto Richters, Clement Stüven, Heinrich Offermann, Barthold Diercks, Ferdinand Lünstedt, Peter Moje, Eduard Tietzel, Heinrich Ahlf und Johann Steffens aus Warstade. Dieser ist über 80 Jahre alt und konnte aus diesem Grunde an der heutigen Feier nicht teilnehmen. 

Im Laufe der verflossenen Jahre ist zur Erhaltung und zur Betriebssicherheit der Schwebefähre sehr viel getan worden. Die Tragfähigkeit der Fuhre ist durch den Einbau von Querstreben von 15 auf 18 t erhöht. Der Personenstand ist regen- und windgesichert, eine Enteisungsanlage ist eingebaut, der Bodenbelag der Gondel ist zweimal erneuert und mehrfach sind die Laufräder und die Laufschienen ausgewechselt worden. Die Betätigung der Gondelklappen wurde von Hand- auf Elektrobetrieb umgestellt. Die Gondelklappen sind jetzt derart gesichert, daß ein Überfahren derselben auch mit schweren Fahrzeugen nicht mehr möglich ist. Alle 4 bis 3 Jahre erhält das Fährgerüst nach Entrostung einen neuen Farbanstrich. Jährlich wird die Schwebefähre auf ihre Betriebssicherheit durch den Technischen Überwachungsverein in Hamburg überprüft und das Prüfungsergebnis der zuständigen Aufsichtsstelle mitgeteilt.

Auch die Anfahrten zur Schwebefähre sind in den letzten Jahren verbessert worden. Die beiderseitigen Fährlücken wurden erheblich verbreitert und der Fährvorplatz auf der Ostener Seite wurde in Gemeinschaft mit dem Straßenbauamt Stade ausgebaut.
Die Auffahrten zur Fähre werden durch Verkehrsampeln und Schlagbäume geregelt.

Wie ich eingangs schon sagte, wurde die Schwebefähre im Jahre 1909 erbaut, da die damalige Prahmfähre dem ständig steigenden Verkehr nicht mehr gewachsen oder aber mit Schwierigkeiten wegen des wechselnden Wasserstandes und im Winter bei Eisgang verbunden war. Durch den gerade in den letzten Jahren angewachsenen Kraftfahrverkehr stehen wir wieder dort, wo unsere Väter vor gut 50 Jahren gestanden haben. Es wird viel kritisiert, daß die Schwebefähre ein Verkehrshindernis sei. Das mag zum Teil und zwar vor allem in den Hauptverkehrszeiten zutreffen. Wir sehen ein und sind auch bemüht, insoweit Abhilfe zu schaffen. Sollten wir von den zuständigen Aufsichtsbehörden die Gewißheit erhalten, daß der in Aussicht genommene Brückenbau erst nach Jahren durchgeführt wird, so werden wir versuchen, eine Vergrößerung der Fährgondel mit einer höheren Belastungsmöglichkeit vorzunehmen. Damit würden wir dann in der Lage sein, den Verkehr ohne Schwierigkeiten zügig zu bewältigen. 

Im Laufe der Jahre haben die Fährschaffner mehrfach gewechselt. Alle haben jahrelang treu und gewissenhaft ihren Dienst versehen. Herr Heinrich Jark, welcher die 80 bereits überschritten hat und der heute unter uns weilt, war neben dem volkstümlich bekannten Christoph Meyer der erste Fährschaffner der Schwebefähre.

Für die tägliche Betreuung der Schwebefähre und des Stromnetzes steht seit Jahren ein von der Gemeinde angestellter Elektriker zur Verfügung. Das Bestreben der Gemeindevertretung ist, die Schwebefähre ständig in einem betriebsfähigen Zustande zu erhalten.

Allen Mitarbeitern, die zur Erbauung, zum Betriebe und zur Erhaltung der Schwebefähre sowie allen Behörden, die uns ständig mit Rat und Tat zur Seite gestanden haben, spreche ich hiermit namens der Gemeindevertretung nochmals meinen wärmsten Dank aus.